Montag, 10. Dezember 2018
Marias Traum

Marias Traum

Ich bin fast wach, die Augen noch geschlossen, der Körper ist ganz warm, entspannt und noch ruhend. Die Nacht mit ihrem unbegrenzten Zauber, ihren geheimnisvollen Gestalten und aufregenden Visionen lässt zunehmend nach. Die Ohren lauschen schon seit einiger Zeit voller Neugier und Interesse den Lebensrufen der Welt. Die Vögel kümmern sich nämlich kaum um die Schlafenden. Ihre Schreie von links und rechts, ihr erregtes Flattern und ihr Gesang kunden vom aufsteigenden Sonnenlicht. Die kleinen Fledermäuse sausen noch schnell zu ihrem Versteck. Sie wissen, ihre Jagd ist für heute zu Ende. Der Mond schaut noch ein wenig zu, bevor er sich ganz zum Gehen entscheidet. Die Ordnung des Tages übernimmt nach und nach die Führung. Es ist eine neue Morgendämmerung in unserer noch so jungen Gemeinschaft. Ich kann es kaum glauben. Ist es wirklich war? Ist es wirklich möglich? Eine unbeschreibliche Freude, Ehrfrucht und Dankbarkeit steigt in meinem Herzen auf. Wie schön ist es, gemeinsam den Tag zu gestalten, sich in unterschiedlichen alltäglichen Situationen zu begegnen, gemeinsam zu teilen, was der Tag, die Nacht uns schenkt. Wir haben so viel vor. Wir sprühen vor Ideen, reißen uns um die Aufgaben.

Bald treffe ich Hanna im Bad. Sie steht genauso gerne früh auf wie ich und übernimmt mit mir gemeinsam die Zubereitung des Frühstücks in der Gemeinschftsküche. Zuerst aber die überschwengliche Begrüßung von Basko und Atos unseren zwei Hunden, die sich über die ersten Aufsteher besonders lebhaft und süß freuen. Es ist zum Lachen, sie führen Freudetänze auf und streichen um unsere Beine herum um die nötige Körpernähe herzustellen und ausreichende Streicheleinheiten zu erhaschen, eine ausführliche Morgensmassage zu bekommen. Wir können so viel von ihnen lernen, zum Beispiel ohne Zögern, das zu nehmen und zu geben, was Körper und Seele brauchen um sich wohl und glücklich zu fühlen. Für die Katze ist es noch viel zu früh so viel Aktion zu betreiben. Sie liegt gemütlich ungerührt auf ihrem Liegeplatz oben. Wozu denn die Eile?

Die Anderen, Erwachsene und Kinder schlafen meist noch. Sie werden später nach und nach die Plätze an dem großen Gemeinschaftstisch einnehmen und die zubereiteten Leckereien genießen.

Uns allen liegt sehr viel daran, unnötige und künstliche Hektik und Chaos im Alltag zu vermeiden. Wir schenken uns die nötige Zeit und Gelassenheit. Wir würdigen den uns neu geschenkten Tag und nehmen mit Freude seine Einladung an.
Deswegen teilen wir die täglich anstehenden Aufgaben sorgfältig auf. Dank der guten Organisation gibt es genug Zeit für Vorbereitungen, Arbeiten, Pausen, Genuss, Spaß. Dieser momentane Zustand ist ein Ergebnis einer dauerhaften Entwicklung. Jeder, egal wie alt, egal welche Bildung er hat wird gleichwertig geschätzt und geachtet. Keiner ist besser oder wichtiger als der andere. So wird auch jede Arbeitsform, jede Aufgabe gleich geschätzt und gesehen.

Die Basis für das Zusammensein bildet das Vetrauen und die Achtung vor einander, Wahrhaftigkeit, Offenheit und das Engagement jedes einzelnen. Alles ist doch für uns; angemessene Aufgaben übernehmen, die zu einem gerade gehören, Dinge anderen überlassen, die sich dafür verantwortlich machen; zuverlässig und pünktlich sein; Nein sagen oder Grenzen setzten, wenn es nötig ist, eben wahrhaftig sein. Ohne diese Qualitäten würde es nicht funktionieren. Ja, jeder lernt seine eigene Verantwortung tragen.
Dafür sind wir eben in einer Lebensgemeinschaft: um voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, herauszufordern und zu reflektieren. Es hängt von uns selber ab, von jedem einzelnen, ob der Frieden und die Liebe bei uns willkommen sind, ob das Leben lebenswürdig und erfüllt ist. Es verlangt Selbstdisziplin, Gefühl für den Gemeinschaftssinn, Voraussicht und Zuverlässigkeit und vieles mehr. Eigentlich sind dies Grundlagen des normalen, gesunden Lebens; nur viele von ihnen sind heutzutage verschüttet worden, gelten als unmodern oder sind vielen zu anstrengend. So muten wir uns von morgens bis in die Nacht uns gegenseitig zu, mit unseren Unvollkommenheiten, Versagen, Verrücktheiten, Ängsten oder Liebenswürdigkeiten.

Draußen auf der Straße, am verabredeten Ort, ist Jochen doch viel zu spät gekommen und muss sich dem Ärger der anderen stellen und schauen, wie er den Schaden wieder gut macht. Markus hat sich wohl auch gerade überschätzt und benötigt mehr Hilfe als geplant. Anja bekam auf ein Mal Angst, zu dem zu stehen, was sie längst angekündigt hat und eiert rum. Christine sieht dies alles klar und eindeutig. Sie übernimmt die Verantwortung und konfrontiert die anderen mit ihrem Verhalten und macht klare Ansagen wo es jetzt lang geht. Nun geht es wieder voran. Jetzt können sie wieder zusammen lachen und Witze machen. Die Spanunng ist gelößt und sie sind auf dem Weg zum vorgehabten Ziel.

In unserer Gemeinschaft ist es jedem wichtig sich voll einzubringen, mit dem was er kann und hat, auch Neues zu wagen und auszuprobieren, dran zu bleiben. Dies alles haben wir schon in unseren wöchentlichen Treffen gelebt, geübt, lange bevor wir eine richtige Lebensgemenischaft wurden. Doch nun ist alles viel konzentrierter, intensiver, kontinuierlicher, lebendiger, unausweichlicher, entschiedener und ohne die Brüche, die uns früher immer zwangen, wieder in ein Leben voller künstlicher Maskeraden, Psychospiele und Fremdbestimmtheit zurückzukehren.

Nach jeder Stunde kommt die nächste, nach jedem Tag der folgende. Es geht nicht, etwas zu verschieben oder zu vergessen. Entscheidungen wollen getroffen sein, Aufgaben erfüllt, Gefühle wahrgenommen und gezeigt. Es lebt, ganz und voll. Es ist so schön mit Menschen zu sein, die immer wieder von neuem „Ja“ zueiander sagen, die es wagen Nähe zuzulassen, trotz der alt bekannten Ängste vor Verletzung, vor Ausgeschlossensein, vor Einsamkeit. Mit den anderen so umgehen, wie jeder möchte, dass mit ihm umgegangen wird, voller Achtung, Mitgefühl und Geduld. Die Gemeinschaft, das Gemeinsame, das Ganze steht im Vordergrund bei jedem Einzelnen, ohne dass aber irgendeiner seine Individualität und Andersartigkeit aufgeben müsste – im Gegenteil, das Ganze lebt davon, dass jeder sich von allen gefördert und genährt weiß, auch in seinem ganz eigenen.

Wir stellen mitlerweile schon vieles selbst her. In unserer kleinen Biobäckerei backen wir Brote, Kuchen und Keckse. Von unseren Bienen haben wir eigenen Honig. In userem großen Garten wachsen viele verschiedene Obstbäume, und Sträucher, die uns voll beschenken. Gesundes Obst lagern wir im dazu vorbereiteten Keller. Aus dem Rest und aus Wildpflanzen der Gegend bereiten wir verschiedene Marmeladen, Säfte und Tinkturen nach alten überlieferten oder auch nach eigenen fantasievollen Rezepten. Auch fehlt es uns nicht an Gemüse, vielen Salatsorten und Kräutern natürlich. Unsere Kräutertees aus überwiegend Wildkräutern sind schon längst bekannt in der Umgebung. Langsam haben wir auch Überschuss an unseren anderen Erzeugnissen und überlegen ein kleines Lädchen vielleicht sogar mit einem Cafe aufzumachen. Zuerst müssen wir aber unsere Finanzen und Zuständigkeiten überprüfen. Zum Glück haben wir auch dafür zwei kluge Köpfe bei uns, die schon über einige wertvollen Erfahrungen verfügen und einen guten Weg wissen. Vier von uns haben eine therapeutische Praxisgemeinschaft eröffnet und bieten neben alternativen Psychotherapien auch Seminare an.

Mit dem Geld war es lange Zeit eine schwierige Sache und auch heute gibt es damit immer wieder mal Probleme. Wie bei allen anderen wichtigen Fragen, wie z.B. der Sexualität, der Macht, der Kindererziehung, mussten wir erst lange an unserer inneren Haltung dazu arbeiten, bevor sich eine Lösung auch im äußeren Leben abzeichnete. Ohne den Geist der Liebe und der Einsicht sind solche Themen kaum zu bewältigen.

Schließlich sind wir da angekommen, wo jeder in die Gemeinschaft mehr einbringt als wie er herausnimmt. Dies gilt auf allen Ebenen, besonders aber beim Geld. Wir glauben, dass wir damit eine überlebenswichtige Grundordnung für Gemeinschaft gefunden haben. Das bedeutet, dass jeder von uns alles was er hat, kann und besitzt, seine Energie, sein Vermögen, sein Geld, seine Talente, seine Zeit in die Gemeinschaft gibt. Wir haben erkannt, dass dies immer mehr ist, als ein jeder für sich braucht, so dass in der Gemeinschaft immer ein Überschuss herrscht, immer Fülle da ist. So kann sich jeder wieder aus dem Gemeinsamen das herausnehmen, was er braucht.

Wichtig ist uns auch, dass die Arbeitszeit von jedem gleich viel wert ist. Niemand wird auf Grund einer bestimmten Tätigkeit, die er für die Gemeinschaft tut, bevorzugt oder benachteiligt. Einkommensunterschiede ergeben sich vor allem daraus, wieviel jemand fürs Ganze Verantwortung übernimmt, wieviel jemand trägt. Wenn jemand beispielsweise für Kinder zu sorgen hat, ist sein Einkommen entsprechend höher als bei kinderlosen. Überhaupt werden die Kinder von der ganzen Gemeinschaft getragen und gefördert. Sicher haben sie ihre engeren Bezugspersonen, meist sind es wohl die leiblichen Eltern oder die Eltern, bei denen die Kinder im Haushalt leben. Aber dennoch fühlen sich alle für sie verantwortlich, jeder schaut nach ihnen.
Vertrauen, Achtsamkeit und Fürsorge ist die Basis dafür, dass wir diesen Weg gemeinsam bis hierhin gehen konnten. In diesem Raum ist es daher auch jedem selbst überantwortet, zu entscheiden, wieviel er für sein Engagement verdient. Jeder kontrolliert sich und seine Motive selbst. Nur dann, wenn alle die Einsicht und Reife dafür mitbringen, kann ein solches globales miteinander Teilen gelingen. Da auch wir nur Menschen sind, die sich ab und an falsch einschätzen oder den nüchternen Blick für das Ganze verlieren, machen wir uns natürlich gegenseitig aufmerksam, wenn uns etwas auffällt, was irgendwie nicht im Gleichgewicht ist. Grundlage für uns ist immer wieder das miteinander in Kontakt stehen, das sich gegenseitig wahrnehmen.

Heute ist Sonntag und wir treffen uns im Meditationsraum. Es ist früh morgens. Die Kerzen leuchten friedlich. Die Wiesenblumen duften herrlich und zeigen sich in ihrer einzigartigen Schönheit. Stille. Stille. Zeitlose Zeit für Stillsein, Dasein, gemeinsam einen Kreis bildend, jeder für sich und jeder für jeden. Heute konnten außer Peter und Moni, die unterwegs sind, alle kommen. Sonntag der Tag den jeder versucht frei zu halten, sich anderen Aktivitäten und Kontakten zu entziehen, dafür um viel Zeit für das Zusammensein in der Gemeinschaft zu haben. Erst aus dem stillen Zusammenverweilen kristallisieren sich die Bedürfnisse der Einzelnen heraus. Nie ist es gleich, jedesmal gibt es eine Überraschung, ein Geschenk der wahrhaftigen Begegnung, Vielfalt und Einmaligkeit. Und dennoch mussten viele von uns erst lernen ganz allein zu sein und ganz allein zu stehen, um bei sich selbst die Voraussetzung für wirkliche Gemeinschaft zu schaffen. Heute ist es den meisten ein Bedürfnis auch allein zu sein. Deshalb haben wir extra hinten abschüssig im Wald die kleine Hütte hergerichtet, die von jedem zum Rückzug genutzt werden kann.

Erste Novembertage. Die fein gliedrige Birke mit ihren weißen Ästchen leuchtet golden in ihrer Herbstkleidung. Der Wind ist heute ganz zart zu ihr. Er schaukelt sie gemütlich von Seite zu Seite, hin und her. Er lässt ab und zu einzelne goldene Blätter den letzten Flug in die Freiheit wagen. Die Sonne ist heute zu Hause geblieben, im Zimmer ist es kühler und dunkler als sonst, als ob schon Abend wäre. Herbststimmung, alles lädt zur Gelassenheit zum Langsamsein ein. Herbst, Zeit zum Loslassen. Mutter Natur unsere beste Lehrerin zeigt uns ohne Zurückhaltung, was zu tun und was zu lassen ist. Es reicht nur hinzuschauen, sehen und hören und der natürlichen Lebensordnung folgen.

Heute nachmittag ist Zeit, um mit den Kindern im Atelier zu malen. Es ist immer so schön, kraft- und freudvoll; Kinderenergie eben. Mitlerweile müssen wir schauen, dass für jeden ausreichend Platz da ist, um seiner Kreativität freien Ausdruck zu geben. Die Kinder bringen nämlich immer mehr von ihren Freunden mit. Ich glaube es ist langsam Zeit einen zweiten Tag in der Woche zusätzlich dafür zu nehmen. Die größeren, die Jugendlichen haben mehr Interesse an Gartenlandschaftsgestaltung, Naturerlebnissen und sind intensiv daran beteilgt einen Entwurf für den Start im Frühling fertig zu stellen.

An den kommenden kalten und dunklen Tagen werden wir wieder mehr Zeit für unser gemeisames Singen und Musizieren haben. Wir wollen schon seit langem die nächste CD zusammenstellen. Darüber freue ich mich so sehr. Die Texte, die Lieder fließen wie von alleine aus uns heraus. Nun ist auch unser Theater- und Musikraum endlich fertig. Jetzt benötigt er nur noch Schönheitsarbeiten. Jetzt, wo wir zusammen leben in unserer Lebensgemenschaft entdecken alle immer mehr Talente bei sich. Sie stecken sich damit gegenseitig an und man fragt sich, warum wir so spät angefangen haben, da das Leben so kurz ist, um das alles umzusetzen.

Gerade sehe ich aus dem Fenster, wo Monika mit Mark zusammen über den Hof gehen. Sie sind gerade frisch und fest in sich verliebt. Sie bewegen sich so leicht und tänzerisch, dass sie die ganze Umgebung verzaubern. Ich höre ihr lachen, ein Herzlachen, dass zum Mitmachen einlädt und mit Freude ansteckt. Jetzt ist mir klar, warum Monika in der letzten Zeit so besonders schöne und farbenfreudige Kleider genäht hat, von denen ich eins unbedingt mitnehmen musste und gerade an habe. Es fühlt sich so gut, warm und weich an, kein Wunder.

Sowieso, mit der Liebe ist es so, dass sie sich vermehrt und vermehrt, wie die Pflanzen in unserem Garten, und je mehr sie gedeiht desto weniger Spaltung, Ab- und Ausgrenzung gibt es. Wozu denn, es ist von allem genug da und es kann nur mehr statt weniger werden.