Montag, 10. Dezember 2018
Die Einsamkeit auf dem Weg

Die Einsamkeit auf dem Weg

Samuel Widmer
Die Einsamkeit auf dem Weg – Geschichten Träume Gedichte

208 Seiten
Editions Heuwinkel, 2001
ISBN-10: 3-906410-47-1

„Das ist das Schöne an solchen Geschichten: sie wollen niemanden etwas einreden. Sie sind. Sie sind geschehen. Sie geschehen. Sie bleiben. Ja, sie sind“, schreibt Joachim-Ernst Berendt in seinem Vorwort zu „Geschichten wie Edelsteine“. Und weiter: „Wer dem Geheimnis dieser Geschichten in seinem Herzen begegnet – und dort vielleicht erfährt -: Das kenne ich doch schon? -, dem wird die Begegnung und Wiederbegegnung mit ihnen in einem Sinne glücken, in dem wirklich Glück nistet.“

Das hier gesagte trifft auch auf die Geschichten von Samuel Widmer zu. Es sind Geschichten, die jeder Mensch kennt und die doch völlig neu sind. Wir würden mit Berendt sagen: Der Kern jeder Geschichte ist eine spirituelle Erfahrung, ebenso ist jeder Kern einer spirituellen Erfahrung eine Geschichte.

Die Geschichten von Samuel Widmer wollen Lehrgeschichten sein, die etwas auszudrücken versuchen, was sonst noch nicht oder überhaupt nicht gesagt werden kann. Sie kommen aus der Wirklichkeit, die hinter den Dingen liegt und treffen zur rechten Zeit in ein dafür geöffnetes Herz.

Die ewige Beziehungsgeschichte

Eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Es geht um Hingabe“, und ein Mann sagt zu seiner Frau: „Nein, es geht um Freiheit.“ Und damit hat der ewige Kampf zwischen den Geschlechtern einen neuen Schauplatz gefunden, der ewige Machtkampf um die Frage: Wer hat recht?

Die Frau sagt dann zu dem Mann: „Ich möchte, dass du dich mir ganz zuwendest.“ Und der Mann sagt zu ihr: „Ich möchte, dass du mich ganz frei lässt.“

Einer denke ich muss den ersten Schritt tun. Beide haben recht. Freiheit und Hingabe gehen Hand in Hand. Auf Grund ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen und Konditionierungen betonen sie, Mann und Frau, die eine Seite und übersehen die andere. Dabei haben sie beide recht. Hingabe kann nur in völliger Freiheit geschehen, Freiheit findet sich nur, wo man sich ganz hingibt.

Und wenn nach langem, zähem Ringen in vielen Leben und vielen Beziehungen schliesslich in einem Menschen Freiheit und Hingabe zusammenfallen, die Fähigkeit gewachsen ist, seine Freiheit dafür zu nutzen, sich irgendwo ganz einzulassen und sich hinzugeben an den anderen, ohne ihn irgendwie einschränken zu müssen, dann wird der Mann schließlich eine Frau finden, zu der er sagen kann: „Ich sehe, du lässt mich ganz frei, darum kann ich mich dir ganz hingeben.“ Und die Frau wird einen Mann finden, zu dem sie sagen kann: „Ich sehe, du gibst dich mir ganz hin, darum kann ich dich ganz frei lassen.“

Und niemand weiß genau, ob die Sehnsucht in uns nach einer solchen Beziehung illusorisch ist, weil dieses Zusammenfallen nur in uns selbst, im Innern geschehen kann, oder ob diese Sehnsucht auch im Äußeren gerechtfertigt ist, weil das innnere Zusammenfallen seinen Ausdruck in den äußeren Beziehungen finden wird.

Wenn letzteres zutrifft, wird endlich der Tag anbrechen, an dem die Frau zum Mann wird sagen können: „Ich gebe mich ganz deiner Freiheit hin.“ Und endlich wird der Mann zur Frau sagen können: „Deiner Hingabe schenke ich meine ganze Freiheit.“

Und in welche äußere Form dieser Ausdruck dann fließen wird, das wird sich zeigen. Es wird ja Freiheit da sein zum Experimentieren und Hingabe aller Kräfte ans gemeinsame Experiment. Man wird ausprobieren, allein, zu zweit, zu dritt, mit vielen, bis man herausgefunden hat, was sich richtig anfühlt; und die Bedürfnisse werden sich auch wandeln dürfen und damit ihr Ausdruck und ihre äußere Form, denn in jedem Moment wird ja Freiheit dazu da sein und Hingabe daran.