Montag, 10. Dezember 2018
Der Alltag als Übung

Der Alltag als Übung

Karlfried Graf Dürckheim
Der Alltag als Übung

130 Seiten
Huber, Bern, April 2004
ISBN-13: 978-3456835440

Übung gibt es immer in zweifachem Sinn: als gesonderte Übung, zum Beispiel als Übung des rechten Atems oder des meditativen Sitzens, in der der Übende sich zu besonderer Stunde abseits vom Alltag im Loslassen, Einswerden und Neuwerden übt, und zweitens als „Alltag als Übung“. Jede Handlung des Tages hat nicht nur einen äußeren Sinn im Hinblick auf das, was in der Welt dabei herauskommt, sondern birgt auch in der Weise, wie sie vollzogen wird, einen inneren Sinn in Gestalt einer Chance dafür, dass in ihrem Vollzug auch etwas hereinkommt.
Jede Lebenssituation, jede Handlung, jedes Werk kann für den, der auf dem Weg ist, zum Anlass werden, das Rad der Verwandlung weiterzudrehen und alle fünf Schritte zu vollziehen: kritische Erkenntnis seiner Fehlhaltungen, Loslassen, Einswerden in völliger Hingabe, Zulassen und Aufnehmen des Inbildes und Bewährung im rechten Vollzug.

In dem vom Zen geprägten Japan lernte Karlfried Graf Dürckheim die Wichtigkeit der Übung kennen. Sie steht im Dienst des Werdens, das den Menschen zu seinem innersten, eigentlichen Wesen befreit. Nicht die vorzeigbare, äußere Leistung ist ihr Sinn, sondern die Verwandlung des ganzen Menschen in der Entdeckung seines Wesens.

Keine Übung ist ohne die Grundübung des Atems, der Mitte und der Stille denkbar. Gemeinsam ist ihnen allen die ständige Wiederholung. Durch die Automatisierung eines Ablaufs, der zunächst gespannte Aufmerksamkeit erfordert, verschwindet allmählich eine besondere Absicht und zielstrebiges Sich-Mühen. Erst wenn die Übung gekonnt wird, beginnt die Arbeit an der inneren Transparenz. Die Übung wird zunehmend mühelos, geht wie von selbst und wirkt nach innen.

Unser ganzer Alltag ist von einfachen und wiederholbaren Handlungen durchzogen, die wir zum Gegenstand der Übung machen können. Dabei ist die innere Verfassung ausschlaggebend: die Ausrichtung auf die große Durchlässigkeit, das stetige absichtslose, uneigennützige, liebevolle und aufmerksame Tun. Dann erst kann die Wiederholung ihre Kraft ausüben. Denn es ist relativ leicht, eine Übung zu vollziehen, aber recht schwer, ein Übender zu werden.

Dem Menschen unserer Tage fehlt die Stille, die äußere und mehr noch die innere Stille, das heißt eine Verfassung, die ihn befähigt, auch im äußeren Lärm und Ansturm des Lebens Stille zu erfahren, zu wahren und auszustrahlen.
Es gibt die besondere Stille als Zustand, die nichts zu tun hat mit „Lärm oder Nicht-Lärm“, ja mehr noch: für die der äußere Lärm ein Hintergrund sein kann, von dem sich inwendig abhebt, was durch kein Geräusch gestört werden kann.
Das ist die rechte Stille. Sie ist eine Verfassung des Gemütes, ein Zustand der Seele, an dem sich der Lärm der Welt zu einer „Geräuschkulisse“ verwandelt, vor der die innere Stille sich erst vollends entwickelt und bewusst wird.