Montag, 10. Dezember 2018
Das dialogische Prinzip

Das dialogische Prinzip

Martin Buber
Das dialogische Prinzip

314 Seiten
Lambert Schneider, 1994
ISBN-10: 3-7953-0016-9

Die Dialogphilosophie Bubers sieht die Existenz des Menschen in Beziehungen, und zwar in zwei grundsätzlich voneinander verschiedenen Beziehungen: Ich-Es- und Ich-Du-Beziehungen.
Die Ich-Es-Beziehung ist die alltägliche Beziehung des Menschen zu den Dingen, die ihn umgeben. Der Mensch betrachtet und behandelt auch seinen Mitmenschen meist wie ein Es. Er sieht ihn distanziert, kühl und nimmt ihn wie eine Sache, ein Stück Umwelt, eingeschmiedet in Kausalketten.
Ganz anders die Ich-Du-Beziehung. In sie geht der Mensch mit seinem innersten und gesamten Wesen ein – ja in einer Begegnung, in einem echten Gespräch tun das beide Partner.

Wo aber das Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt, zwischen Partnern, die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende gemeinschaftliche Fruchtbarkeit. Das Wort ersteht Mal um Mal substantiell zwischen den Menschen, die von der Dynamik eines elementaren Mitsammenseins in ihrer Tiefe ergriffen und erschlossen werden. Das Zwischenmenschliche erschließt das sonst Unerschlossene.

Für Buber ist die Begegnung mit dem anderen Menschen (oder auch mit seiner Umwelt, der er ebenso in einer Ich-Du-Beziehung begegnen kann) ein Abglanz der Begegnung des Menschen mit Gott. Nur über die Begegnung von Mensch und Umwelt oder Mensch und Mensch ist aber letzlich die Begegnung zwischen Mensch und Gott möglich.

„Die Entwicklung der Seele im Kinde hängt unauflösbar zusammen mit der des Verlangens nach dem Du. (…) Der Mensch wird am Du zum Ich. (…) Die besondere Beschaffenheit des Wir bekundet sich darin, dass zwischen seinen Gliedern eine wesentliche Beziehung besteht oder zeitweilig entsteht; d.h. dass in dem Wir die ontische Unmittelbarkeit waltet, die die entscheidende Voraussetzung des Ich-Du-Verhältnisses ist. Das Wir schließt das Du potentiell ein. Nur Menschen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen, können miteinander wahrhaft Wir sagen.“

Martin Bubers sozialphilosophischer Ansatz ist auch gleichsam eine Gesellschaftsutopie. Er sieht in der Gemeinschaft letzlich die einzig wirkliche Lebens und Überlebensform, in der jeder Mensch in Beziehung eingehalten und doch am weitesten unbeschränkt in seiner Individualität sich entfalten kann.

Eine neue Gesellschaft, „eine neue Kultur, eine neue Totalität der geistigen Welt kann nur entstehen, wenn es wieder wirkliche Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, ein wirkliches Miteinander und Ineinanderleben, eine lebendige Unmittelbarkeit zwischen den Menschen gibt“.
„Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass zwischen den Menschen noch unmittelbare Beziehungen möglich sind. Und aus diesen lebendigen Gemeinschaften soll sich „das Gemeinwesen als Verband lebenskräftiger, verwirklichungserfüllter Gemeindezellen“ bilden. Schließlich soll sich aus diesen „die Menschheit als ein Verband solcher Gemeinwesen“ konstitutieren. Dabei steht „Gemeinschaft“ für einen „auf unmittelbare persönliche Beziehungen gegründeten sozialen Organismus“.

„Liebe ist ein welthaftes Wirken. Wer in ihr steht, in ihr schaut, dem lösen sich Menschen aus ihrer Verflochtenheit ins Getriebe; Gute und Böse, Kluge und Törichte, Schöne und Hässliche, einer um den andern wird ihm wirklich und zum Du, das ist, losgemacht, herausgetreten, einzig und gegenüber wesend; Ausschließlichkeit ersteht wunderbar Mal um Mal – und so kann er wirken, kann helfen, heilen, erziehen, erheben, erlösen. Liebe ist die Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgenen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagenen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben.“

Gefühle wohnen im Menschen; aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: Die Liebe haftet dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum „Inhalt“, zum Gegenstand hätte, sie ist zwischen Ich und Du. … Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.