Montag, 10. Dezember 2018
Um zu werden

Um zu werden

Um zu werden

von Klaus Hoffmann

Wie oft wirst du noch kämpfen, wie oft noch lamentiern,
dich aufbauen, behaupten müssen, siegen und verliern?
Wie oft Theater spielen, dabei keine Rolle scheun,
um alles, alles auf der Welt bloß nicht du selbst zu sein?

Wie oft wirst du am nächsten Tag nach einer kleinen Schlacht
den Legionär erblicken, der da aus dem Spiegel lacht,
den Mann, den du am meisten fürchtest, den du verneinst?
Wie oft wirst du noch glauben, der Spiegel ist dein Feind,

um zu werden – wer du bist?

Wieviele Bücher musst du lesen, wieviele Kirchen baun,
wie oft noch Klugscheißen und Dieben, wie oft Lügnern traun,
wievielen Fahnen folgen, irgendeiner starken Hand,
wieviele Siege siegen, irgendeines Vaters Land,

um plötzlich zu erwachen, zufällig wie von selbst,
aufgeschreckt von einer Stimme in dir, die dir nicht gefällt?
Denn sie zeigt dir deine Grenze, vielleicht einen kleinen Traum
In dem kannst du lesen: Du bist dir selber abgehaun

um zu werden – wer du bist

Wieviele Kämpfe werden nötig sein mein Freund?
Wieviel Sand und Hass, lässt du dir noch in die Augen streun?
Wieviele Träume werden platzen, wieviele Freunde müssen gehn?
Wie oft wirst du noch Enttäuschungen und Dunkelheit verstehn,

um zu werden – wer du bist?

Wer lehrte dich zu schweigen wo alles in dir schrie?
Wer kaute dir die Worte vor, wer setzte dir das Ziel?
Wer lehrte dich zu schlafen, obwohl du alles sahst?
Wer brachte dir bei zu begaffen, zu lieben was du hasst?

Wo ist das Kind geblieben, das Kind mit seinem Traum,
vom eignen unverwechselbaren bunten Apfelbaum,
das Kind, das unverdorben und trotzig in dir schrie:
Entweder werde ich von selbst oder ich werde nie?

Entweder werd ich fallen, über Stock und Stein
Doch lieber auf dem eignen Weg als eine Zahl zu sein,
eine Nummer, die man aufruft, eine Nummer, die man lenkt
Nur Gott hat zu entscheiden, wem er das Leben schenkt,

um zu werden – wer ich bin – um zu werden