Montag, 10. Dezember 2018
Innenansichten

Innenansichten

Innenansichten

nach einem Gedicht von Eduard Martin

Manchmal sitze ich und seh in mich hinnein,
verstehe nicht – was ist denn mit mir los?
Da ist einer in mir drin – demütig und klein,
ein andrer stolz und groß

Da ist einer, dessen Herz vor Sünde brach
Und einer sitzt da ohne Reu und lacht
Einer liebt seinen Nachbarn wie sich selbst
Und einer, den kümmert nur Ruhm und Geld

Was hat dieses Chaos denn für einen Sinn?
Ist’s Leben denn eine solche Tollerei?
Könnt ich nur sagen welcher von allen ich wirklich bin,
dann wär ich endlich ganz von Sorgen frei

Da gibt’s einen, der ist zärtlich zu Kind und Frau
und einen, den die Wut macht zur wilden Sau
Da ist einer, der Verantwortung übernimmt
Und da ist einer, der sich gehn lässt wie ein Kind

Da gibt’s einen, der wunderschöne Dinge tut,
der für was brennt – Geist und Herz voller Glut
Da ist einer, der sich in Schmerzen quält,
der rumhängt, jammert und die Tage zählt

Da ist einer in mir, wie ein Fels in der Brandung,
den haut nichts um, der hält die Welt
Und da ist einer verzagt, längst nicht mehr jung,
der nicht mehr beißt sondern nur noch bellt

Da ist einer, dem die Augen vor Tränen zerfließen,
einer dem’s schwerfällt, sich nicht in Selbstmitleid zu ergießen
Da ist einer, dem’s Herz vor Glück zerspringt,
wenn er durch Wald und Wiesen hüpft und ein Vogel singt

Da ist einer, in dem ist manchmal alles still
Der ist mit dem Leben eins, wie Gott es will
Und da ist einer, der sich nur um sich selber dreht,
dem’s niemand recht macht, den niemand versteht

Da ist einer voll Neugier und Gelassenheit
und einer voller Verzweiflung und Einsamkeit
Ach wenn das jetzt wenigstens alles wär,
was da los ist in mir, was da geht kreuz und quer

Ich seh dieses Chaos hat einfach keinen Sinn
Das Leben ist halt unberechenbar
Und wenn ich alles sein darf und auch alles bin,
dann wird es mir plötzlich ganz klar
Dann wird in mir vielleicht Frieden war