Montag, 10. Dezember 2018
In Gemeinschaft leben

In Gemeinschaft leben

Wir haben versucht mit dem dialogischen Gemeinschaftsbildungsprozess ein Werkzeug zu beschreiben, mit dem es möglich wird, eine Erfahrung von Gemeinschaft zu machen. Was aber braucht es, wenn eine Gemeinschaft sich entschließt zusammen zu bleiben, zusammen zu leben und/oder gemeinsam zu arbeiten? Wie kann Gemeinschaft aufrecht erhalten werden? Was hält sie lebendig, was braucht es, damit sie wachsen kann?

Wir glauben, dass die Wiederholung und stetige Ausübung des dialogischen Gemeinschaftsprozesses ein wichtiges Bindeglied für Gemeinschaften sein kann. Wenn alle gewillt und in der festen Absicht für eine Gemeinschaft gehen, wird der Dialog einfach dazugehören und Basis werden, für stetige Erneuerung der lebendigen und authentischen gemeinschaftsbildenden Kräfte. Aber es gibt noch eine Reihe weiterer Dinge, die bei Gemeinschaften „auf Langzeit“ eine wesentliche Rolle spielen. Diese möchten wir hier kurz ansprechen. Kriterien für die Gesundheit von Gemeinschaft oder anders gesagt: Wichtige Fragen für das Überleben von Gemeinschaft sind:

  • Gibt es einen gemeinschaftlichen Geist? Es ist schwer zu beschreiben, was das ist. Es lässt sich aber wahrnehmen. Es hat was zu tun mit gemeinsam gelebter Spiritualität. Und es hat nichts zu tun mit dem, was man als Chorgeist bezeichnet.
  • Können die einzelnen Teile, also die Individuen in einer Gemeinschaft ihr Potential entfalten?
  • Entdeckt die Gemeinschaft ihre „übergeordnete“ Aufgabe und geht sie ihr nach?
  • Schafft es die Gemeinschaft auch in „schwierigen Fällen“ einschließend zu bleiben? Und wenn dann doch der Auschluss unausweichlich scheint, wird er als Schmerz und Verlust wahrgenommen?
  • Gibt es einen echten Dienst für andere?
  • Gibt es ein wirkliches „Sich einlassen“ der Gemeinschaftsmitglieder, eine feste Absicht und einen unbeugsamen Willen, quasi eine innere Verpflichtung zum „Füreinander“ und „Miteinander“?
  • Findet der gemeinsame Wille in Konsenzentscheidungen Ausdruck? Das heißt: Trägt jede und jeder die wichtigen Entscheidungen mit?
  • Gibt es in der Gemeinschaft jeweils (auch geteilten) Raum für Entwicklung der vier wichtigsten Bewusstseinsfelder: Körper (Nahrung, Fitness), Geist (Kontemplation, Stille), Verstand (Bildung, Auseinandersetzung) und Schatten (Selbsterkenntnis, Heilung)? Gibt es dafür auch gemeinsame Zeit?
  • Ist die Gemeinschaft offen für experimentelles Verhalten? Damit alte konditionierte Verhaltens- und Erfahrungsmuster aufgebrochen werden können, ist es notwendig, dass es einen „sicheren“ Ort für neues Verhalten gibt.
  • Ist die Gemeinschaft eine Gruppe von Führern? Das bedeutet, dass es nicht einen Führer geben kann, aber auch nicht eine, die alleine die Verantwortung trägt. Vielmehr heißt das, dass alle sich verantwortlich fühlen, jeder für sich selbst und jede auch für das Ganze.
  • Werden Konflikte ausgetragen in einem Geist von Wohlwollen und Verständnis?

Die „Thesen für ein lebendiges und freudigeres Miteinander“ bieten weitere Handreichungen, die uns helfen Gemeinschaft zu erfahren und zu leben.

Auch wenn wir hier nun einiges an Bedenkenswerten aufgezeigt haben, für all die, die ein Leben in Gemeinschaft anstreben oder schon leben. Es muss und sollte uns auch immer klar sein, dass Gemeinschaft auch verloren gehen kann und darf, dass Gemeinschaft so wie sie geschenkt wird auch wieder zu Ende gehen kann. Gemeinschaft kann sogar nur dann langfristig(er) überleben, wenn sie die Möglichkeit des eigenen Todes nicht ausschließt und verdrängt. Denn Gemeinschaft ist ein lebendiges Wesen, das wie alles Lebendige den natürlichen Zyklen von Werden und Vergehen unterliegt.