Montag, 10. Dezember 2018
Vier Phasen

Vier Phasen

Vier Phasen der Gemeinschaftsbildung im dialogischen Prozess

Die Erfahrung von echter authentischer Gemeinschaft kann auf unterschiedliche Weise zustande kommen. Sie ist ein Geschenk aber deswegen nicht unbedingt Zufall. Gemeinschaft, die zufällig entsteht verschwindet meist rasch wieder, weil die Gruppe sich der tragenden und wesentlichen Faktoren der Gemeinschaftsbildung nicht bewusst ist. Auch gemeinsam durchgestandene Krisen bringen, oft vorübergehend, eine Gemeinschaftserfahrung hervor.

Es ist aber auch möglich, dass sich Menschen zusammenfinden, mit der klaren Absicht, sich auf dem Weg in Gemeinschaft zu begleiten. Das ist es, wozu wir hier einladen. Das Entstehen von Gemeinschaft ist dann voraussagbar und in gewisser Weise sogar steuerbar. Sobald sich eine Gruppe an die empfohlenen Richtlinien für eine förderliche Kommunikation hält (Kommunikationsempfehlungen), wird sie früher oder später eine wirkliche Gemeinschaftserfahrung machen.

Gemeinschaft (Kommune) – im Englischen Community – und Kommunikation haben dieselbe Wortwurzel. Es verwundert daher nicht, dass die Regeln für gute Kommunikation praktisch dieselben sind, wie diejenigen für die Gemeinschaftsbildung. Es ist in der Tat unsere Unfähigkeit zu kommunizieren, die dafür verantwortlich ist, dass in der Welt der Geist der Gemeinschaft verloren gegangen ist.

Die effektivste Art die Kommunikationsregeln zu verinnerlichen, ist das experimentelle Lernen in der Gruppe, indem wir einfach damit anfangen den Empfehlungen zu folgen und uns gegenseitig dabei spiegeln und reflektieren. Erfahrungsgemäß werden die meisten Teilnehmer die Regeln von Kommunikation und Dialog schnell erlernen und sind auch bereit, ihnen zu folgen. Wenn uns klar wird, was wir tun, sind wir fähig, eine wirkliche Gemeinschaft zu bilden.

Wenn wir uns also aufmachen. gemeinsam die Kommunikationsempfehlungen umzusetzen, werden wir Zeuge davon sein, wie die Gruppe durch vier Phasen der Entwicklung hindurchgeht, um am Ende in einer Gemeinschaftserfahrung gemeinsam anzukommen.

Vier Phasen, die jede Gruppe auf dem Weg zur Gemeinschaftserfahrung durchläuft*:

1. Pseudogemeinschaft

2. Chaos

3. Leere

4. Gemeinschaft

 

1. Pseudogemeinschaft

Eine Gruppe ist zusammengekommen, um den Weg in die Gemeinschaft zu erfahren. Die Teilnehmer sitzen in einem runden Kreis, so dass jeder den anderen sehen kann und keine hierarchische Raumordnung entsteht. Nach einer Zeit der Stille und des Ankommens, in der vielleicht auch eine Musik gespielt wird, werden die Prozessbegleiter einige einführende Sätze vortragen und die Kommunikationsempfehlungen für den dialogischen Prozess erläutern. Dann, nach kurzem Innehalten beginnt die Gruppe miteinander zu sprechen.

In der nun einsetzenden Phase tun die Beteiligten so, als seien sie bereits eine Gemeinschaft. Sie tun so, als gäbe es keine Differenzen, und vermeiden jegliche Konflikte. Sie sind höflich, zu höflich sogar. Denn alle halten sich an die ungeschriebenen Regeln, die freundliche und umgängliche Menschen auszeichnen: Sage nichts, das jemanden anderen irritieren oder bei ihm/ihr schmerzliche Gefühle hervorrufen könnte. Und wenn jemand anders etwas sagt, was dich ärgert oder verletzt oder irritiert, dann lass dir nichts anmerken und wechsle schnell das Thema. Mache dich nicht verletzlich und zeige keine Schwächen. Vermeide es, Emotionen zu zeigen. Vermeide heikle Themen überhaupt. Vermeide Konflikt. Diese unausgesprochenen Regeln gewährleisten vielleicht über eine gewisse Zeit ein reibungsloses Funktionieren der Gruppe, sie unterdrücken jedoch Individualität, Vertrautheit und Offenheit und führen meist nach nicht allzu langer Zeit zu gähnender Langeweile.

Charakteristisch für die Phase der Pseudogemeinschaft ist, dass die Gruppe sofort eine „leichte“ Gemeinschaft sein will. Doch das Entstehen von Gemeinschaft erfordert Zeit, Anstrengungen und Opfer, es ist nicht so leicht zu haben.

Wenn viele Menschen an einem längeren, gemeinsamen Gespräch teilnehmen, dann sagen irgendwann immer einige von ihnen Dinge, die andere ärgern oder verletzen (oder auch nur langweilen). Also entgleitet es Michael: „Wer sich scheiden lässt, hätte sich lieber vorher überlegen sollen, wen er heiratet.“ Isabel, die drei Plätze weiter sitzt und sich gerade durch ihre dritte Scheidung arbeitet, murmelt halblaut „Stimmt wahrscheinlich“, obwohl sie sich in Wirklichkeit gerade über Michael schwarz ärgert. Das ist Pseudogemeinschaft in Aktion. Und es ist die Art von Maskerade, Unauthentizität und „Höflichkeit“, die wir fast überall erleben. Pseudogemeinschaft ist die Norm in unserer Gesellschaft. Im Zustand der Pseudogemeinschaft werden Unterschiede zwischen Menschen bagatellisiert, nicht anerkannt oder ignoriert. Menschen sprechen dann oft in Generalisierungen: „Jeder bekommt das, was er verdient“, „Wir sollten unserer Intuition vertrauen“, „Gesundheit ist das Wichtigste“ oder auch „Abtreibung ist eine Sünde“ oder „Wer Vertrauen in sich hat, wird immer erfolgreich sein“. Und da in der Pseudogemeinschaft individuelle Unterschiede geleugnet und Konflikte vermieden werden, bleiben alle Platitüden „ungestraft“.

Dialogische Prozesse beginnen immer mit Pseudogemeinschaft. Schließlich werden die Differenzen an irgendeinem Punkt so offenkundig und tiefgehend, dass sie nicht mehr kaschiert werden können. ->

 

2. Chaos

Jetzt geht die Gruppe in den nächsten Aggregatzustand über, ins Chaos. Vielleicht gibt auch der Dialogbegleiter den Anstoss dazu. Er teilt der Gruppe dann beispielsweise mit, dass sie sich in Generalisierungen ergeht und diese der Entwicklung von Gemeinschaft nicht förderlich sind. „Kommuniziert mit Ich-Aussagen“, fordert er die Gruppe auf, woraufhin Peter eine frühere Aussage korrigiert und sagt: „Für mich steht Spaß immer an erster Stelle.“ „Gut, dass Du es jetzt so formuliert hast“, entgegnet Johann, „denn ich habe festgestellt, dass ich am weitesten dadurch gekommen bin, dass ich vor allem meinen Mitmenschen nützen wollte“. „Wir brauchen immer eine Mission“ pflichtet Egon bei (wieder eine Generalisierung) und Irene kontert, mit solch wenig anfassbarem Quatsch könne sie gar nichts anfangen. Martha setzt noch einen drauf und meint, dass sie mit dem ganzen Gespräch nichts anfangen könne, da sie nicht sähe, wie es die Gruppe näher zur Gemeinschaft bringe. Das Chaos aber, das hat nun angefangen. Die Zeit der Höflichkeit ist vorbei und die Dinge stoßen sich hart im Raum.

Differenzen werden jetzt nicht mehr versteckt, man versucht vielmehr, sie auszulöschen. Einer versucht den anderen zu bekehren. Das Heil wird darin gesehen, dass alle gleich denken und dass alle „normal“ sind. Jeder will seine Sicht durchsetzen. Ein weiteres typisches Bestreben im Zustand des Chaos, besteht darin, andere „heilen“ zu wollen. Irene sagt: „Ich habe ein Problem damit, mein Arbeitsleben mit meinem Familienleben in Einklang zu bringen“. Johann weiß gleich die Lösung: „Wenn Du Dir jeden Sonntag abend Zeit nimmst, Dir einen Plan für die ganze Woche zu machen, wirst Du viel besser mit diesem Problem zurecht kommen.“ „Das mit der Zeitplanung habe ich versucht“, entgegnet Irene, „es hat mir aber nicht geholfen“. „Es kommt gar nicht auf die Zeit an, die wir insgesamt mit der Familie verbringen“, doziert dann Michael, „wichtig ist, dass es sich um eine gute Zeit handelt. Als ich das begriffen hatte, haben sich meine Probleme mit der Familie in Luft aufgelöst“. „Ich bin aber immer so abgespannt nach der Arbeit und fühle mich irgendwie leer – da ist mit guter Zeit nichts drin“ antwortet Irene mit hörbar gedrückter Stimme. „Warum machst Du nicht einen Kurs für autogenes Training“, rät Peter, ohne dass zwei Sekunden vergangen wären und ganz ungeachtet der Emotionalität der Aussage Irenes. Und so fort. Differenzen dürfen nicht sein, schmerzliche Gefühle auch nicht. Sie werden mit guten Ratschlägen oder tröstenden Worten gleich zugedeckt.

Die Zeit des Chaos ist eine Zeit des Ringens und des Kämpfens. Doch im Gegensatz zum Ringen in einer authentischen Gemeinschaft, wo die Mitglieder glernt haben dies konstruktiv und wirkungsvoll zu tun, ist der Kampf im Chaos unangenehm und unbefriedigend, ein unproduktiver, unkreativer Krampf. Es ist ein lärmiges und unbewusstes Null-Summen-Spiel, das nirgendwohin führt. Gruppen kommen zwar aus der Pseudogemeinschaft leicht heraus, sobald ihnen dieser Zustand bewusst geworden ist. Chaos jedoch ist oft selbst dann zählebig und dauert viele Stunden, wenn der Gruppe völlig klar ist, dass sie sich mitten drin befindet.

Der Wunsch zu „heilen“, zu „bekehren“ oder einfach eigene Sichtweisen von sich zu geben und durchzusetzen, ist einfach zu gross. Und ist es nicht auch eine gute Tat, wenn man jemanden aus seiner Umnachtung herausführen kann? Viele Menschen sind überrascht, dass ihr, wie sie glauben, liebevoller Umgang, in Wirklichkeit immer mehr Chaos verursacht. Doch gehen wir der Sache auf den Grund, erkennen wir sehr rasch, dass unsere Versuche zu helfen und zu heilen nicht nur reichlich naiv sondern meist auch sehr selbstbezogen sind.

Was oft geschieht, wenn die Gruppe sich richtig ins Chaos verstrickt hat ist, dass TeilnehmerInnen die ProzessbegleiterInnen angreifen, ihnen miserable Anleitung vorwerfen und stattderen versuchen die „Verantwortung“ an sich selbst zu reißen. „Das bringt uns jetzt überhaupt nicht weiter, warum teilen wir uns also nicht in sechs kleine Gruppen auf und finden erst mal darin zur Gemeinschaft“ könnte ein wohlgemeinter Vorschlag lauten. Und das ist auch gleich der Königsweg, um Gemeinschaft nachhaltig zu verhindern: Organisation. An der Stelle, wo eine Gruppe zur Gemeinschaft finden will, dient Organisation nur der Schmerzvermeidung. Gemeinschaft entsteht, indem wir dafür Raum geben und sie wachsen lassen, nicht indem wir sie organisieren. ->

 

3. Leere

Dieses Raum-Geben für Gemeinschaft beginnt, wenn erstmals Zeichen der dritten Phase aufleuchten: das Leer-werden. Die Gruppe bewegt sich in den oft langen und mühevollen Prozess hinein. Sich leer machen, sich befreien von allen Barrieren zu authentischer Kommunikation – kaum eine Gruppe ist von diesem Hinweis des Dialogbegleiters begeistert. Denn die Beteiligten ahnen schon, worum es geht: zu sterben, um wieder geboren zu werden. Und sie ahnen, dass sie viel Liebgewonnenes aufgeben müssen und dass das schmerzlich ist.
Dann doch lieber im Chaos bleiben oder in die Pseudogemeinschaft zurückfallen. Es ist auch allzuviel, von dem man sich lösen muss. Zum Beispiel von Vorurteilen, die man gegenüber anderen Teilnehmern der Gruppe schon lange pflegte oder aufgebaut hat. „Was hier läuft ist doch nicht normal, das ist ja wie Gehirnwäsche in einer Sekte“ denkt mancher vielleicht. Oder ein anderer meint „Nee, so wie der aussieht, kommen wir nie zusammen. Der sollte sich erst mal gründlich waschen“ Verständlich, dass man solche Gedanken und Gefühle erst loslassen muss, bevor Gemeinschaft beginnen kann.
Gleichermassen leer machen muss sich die Gruppe von dem Wunsch zu „heilen“ oder zu „bekehren“. Es dämmert ihr im Prozess des Leer-werdens, dass „heilen“ und „bekehren“ nur dazu dient, schmerzhafte Gefühle zu vermeiden und Differenzen auszulöschen. Den Teilnehmern wird auch klar, dass sie Stille nicht ertragen können und nach jeder „schwierigen“ Aussage zum „Lärm“, der schnellen Antwort, Zuflucht nehmen. Leer-werden heißt also auch leer werden zur Stille – zu einer oft lang anhaltenden Stille.
Loslassen müssen die Beteiligten dann auch den Wunsch, ihre Ideologien, Weltsichten und Lieblings-Lösungen anderen überzustülpen. Außerdem müssen sie sich aller Erwartungen entledigen, wie der angestrebte Zustand der Gemeinschaft denn auszusehen hat. Jeder, nahezu ohne Ausnahme, der einen Prozess zum Aufbau von Gemeinschaft beginnt, hat eine fixe Idee oder ein Konzept davon, was Gemeinschaft ist. Doch wahre Gemeinschaft wird sich nicht einstellen, solange man an seinem eigenen Begriff davon festhält. Schließlich muss neben diesen Konzepten auch die Furcht vor dem Misslingen, dem Scheitern des ganzen Unternehmens losgelassen werden, damit jegliche Kontrolle und jegliches Wollen zum Stillstand kommt.

Im Verlauf des Leer-werdens und des damit einhergehenden besseren Zuhörens finden die ersten den Mut, ein sehr persönliches Gefühl anzusprechen – ein Gefühl, dessen sie sich entleeren müssen, um in der Gruppe völlig präsent und für die Gemeinschaft offen sein zu können. Typischerweise treten jetzt verdrängte Enttäuschungen und Verletzungen zutage. Da erzählt Elisabeth vielleicht etwas, was sie als Kind erlebt hat, und Martin spricht etwas an, das mit der Gruppe zu tun hat: „Wenn ich sehe, wie sich einige hier ansehen und verstehen, macht mich das rasend vor Eifersucht.“

Weil die Phase der Leere so schmerzlich sein kann, werde ich immer wieder in Seelenangst gefragt: „Gibt es nicht irgend einen Weg in die Gemeinschaft außer durch die Leere?“ Meine Antwort ist „Nein.“ Eine andere Frage ist: „Gibt es nicht irgendeinen Weg in die Gemeinschaft außer durch das gemeinsame Erleben des Gebrochen-Seins?“ Wieder ist meine Antwort „Nein“. Eine dritte Frage ist: „Muss ich denn alles aufgeben?“ Meine antwort lautet: „Nein, nur alles was im Weg steht“

    M.Scott Peck

Gemeinschaft braucht Authentizität und damit den Mut, schmerzliche Gefühle zu äußern und sich verletzlich zu machen. Wenn die ersten Mitglieder der Gruppe diesen Mut finden, reagieren die anderen oft ausweichend, wollen wieder „heilen“ und fallen möglicherweise zurück ins Chaos. Schliesslich stirbt die Gruppe dann doch den „großen Tod“ und wird neu geboren in den Zustand der Gemeinschaft. Ein dramatischer Wandel setzt nun ein. ->

 

4. Gemeinschaft

Dieser Wandel kommt immer autonom. Er ist weder planbar noch genau vorhersehbar. Manchmal tritt er bereits nach wenigen Stunden ein, manchmal am Ende eines Tages. Plötzlich scheint sich eine Kraft Bahn zu brechen, die vorher nicht vorhanden war. Was nun passiert, hat M. Scott Peck unübertrefflich beschrieben:

„In diesem letzten Stadium breitet sich eine sanfte Stille aus. Es ist eine Art Frieden. Der Raum badet in Frieden. Dann beginnt ein Mitglied, ganz ruhig, über sich zu sprechen. Sie ist sehr verletzlich. Sie spricht aus dem tiefsten Teil ihrerselbst. Die Gruppe ist gefesselt von jedem Wort. Niemand hatte realisiert, dass sie zu solcher Eloquenz fähig ist. Nachdem sie geendet hat, beginnt eine Stille. Sie hält lange an, obwohl es nicht so scheint. Sie wirkt nicht unbehaglich. Langsam, aus der Stille heraus, beginnt ein weiteres Mitglied zu sprechen. Er spricht ebenfalls sehr tief, sehr persönlich über sich selbst. Er versucht nicht, seine Vorrednerin zu „heilen“ oder zu „bekehren“. Er versucht nicht einmal, ihr zu antworten. Nicht „sie“, sondern „er“ ist das Thema. Doch die anderen Mitglieder der Gruppe haben nicht das Gefühl, dass er sie ignoriert. Was sie vielmehr empfinden ist, dass er sich neben sie auf den Altar gelegt hat.

Die Stille kehrt zurück. Ein drittes Mitglied spricht. Vielleicht antwortet er seinem Vorredner, doch dabei versucht auch er nicht zu „heilen“ oder zu „bekehren“. Es mag eine humorvolle Bemerkung sein, doch sie geht auf niemandes Kosten. Es mag ein kurzes Gedicht sein, das auf fast magische Weise passt. Es kann irgendetwas Sanftes und Liebenswürdiges sein, in jedem Fall wird es ein Geschenk sein. Dann spricht das nächste Mitglied. Und während es so weitergeht, wird viel Traurigkeit und Kummer zum Ausdruck gebracht; zugleich wird aber auch viel gelacht und viel Freude empfunden.“*

An diesem Punkt stellt sich die entstandene Gemeinschaft zwangsläufig die Frage, was ihre Aufgabe ist. Denn jede Gemeinschaft hat eine Gruppenaufgabe. Bei einem Gemeinschaftsbildungsexperiment kann die Aufgabe darin bestehen, zuerst einmal das Erlebnis überhaupt zu erleben und auch zu geniessen; dann aber auch die Gruppe wieder zu beenden.
Wenn es sich um eine Gruppe handelt, die sich zusammengefunden hat, um über eine längere Zeit mit Gemeinschaftserfahrung zu experimentieren und darüber etwas ins Leben zu bringen, wird sie sich jetzt an diese Aufgabe machen, wobei sie die Regel beachten wird: Gemeinschaftsbildung zuerst, Problemlösung danach.
Eine Aufgabe für eine Gemeinschaft, die spontan zusammengekommen ist, kann auch darin bestehen, sich darüber klar zu werden, ob sie weiter bestehen soll, eine wirkliche Verpflichtung eingehen soll. Falls dies der Fall ist, finden sich dann unzählige Aufgaben, die ihr gestellt sind.

Am Ende dieses Textes soll Samuel Widmer zu Wort kommen, der seit vielen Jahren in Gemeinschaft lebt und dafür geht: „Das Leben in Gemeinschaft ist nicht leichter oder bequemer als ohne Gemeinschaft. Es ist oft schmerzhaft und herausfordernd. Aber es ist viel lebendiger, viel intensiver. Das Leiden daran ist häufig sogar größer, aber ebenso ist die Freude größer. Die häufigste emotionale Antwort auf das Durchbrechen des Geistes von Gemeinschaft ist das Aufkommen von Freude. Es ist ähnlich, wie wenn man sich verliebt. Das Gefühl davon kann durchaus auch ekstatisch werden.“*
Wie es dann weitergehen könnte? In jedem Fall betreten diese Menschen ein neues unberührtes Land. Vielleicht wird ja eine Lebensgemeinschaft daraus, Menschen, die sich ein Leben lang begleiten und sich in ihrer Individuation unterstützen, vielleicht wird es eine Arbeitsgemeinschaft, die eine der unzähligen Aufgaben übernimmt, die zu leisten sind, bevor diese Erde ein schöner Ort für uns alle geworden ist. ->