Mittwoch, 18. Juli 2018
Der dialogische Prozess

Der dialogische Prozess

Wenn wir der Annahme folgen, dass unser menschliches Tun, unsere tiefsitzenden Wertesysteme, unser Verhalten und unsere Sprache, unsere gesamte Kultur, auch unser Gedächtnis, selbst unsere Gefühle und sogar das, was wir für unumstößliche Realität halten, Ergebnisse unseres Denkens sind, stellen sich uns die Fragen: Was eigentlich ist Wirklichkeit, wie erfahren wir sie und wie begegnen wir uns darin? Und was hat das Denken mit der Konstituierung von Wirklichkeit zu tun?

Wollen wir die Welt in der wir leben verstehen, wollen wir verstehen, warum die Dinge uns so erscheinen, wie sie es tun, müssen wir unser Denken verstehen. Der dialogische Prozess ist ein Werkzeug, um zu erkennen, wie unser Denken abläuft. In seinem tiefsten Sinn ist er eine Einladung zu erforschen, was es heißt Mensch zu sein und welches Potential in der menschlichen Entwicklung möglich ist.

In unserem Verständnis ist Denken nicht nur das Ergebnis bewusster intellektueller oder gar rationaler Lernprozesse, sondern auch Emotionen, Gefühle, Wünsche, Absichten, Bewertungen oder Ängste. Unser Denken ist durch biografische Erfahrungen, sowie durch geschlechts-, kulturbedingte und religiöse Traditionen, Dogmen und Tabus sowie durch soziale Strukturen geprägt. Es bildet also nicht eine objektive Wirklichkeit ab, sondern den inneren Kern des Denkenden.

Der Quantenphysiker David Bohm, der grundlegend über die Frage, wie unser Denken arbeitet geforscht hat, schlägt den Dialog als Mittel und Möglichkeit vor, wie sich das Denken bei seinem Tun beobachten und verstehen lässt. Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: „dia“ heißt „durch“ und „logos“ meint „das bedeutungsvolle Wort“. Der Begriff meint also das Fließen von Sinn und das Erschließen von Bedeutung um und durch uns Menschen. Ein solcher Sinnstrom führt vielleicht zu neuen Einsichten oder zu Verständnis. Im kommunikativen Prozess wird etwas Neues geschaffen, etwas, was weder absehbar noch planbar sondern kreativ ist. Dieser so geteilte Sinn ist das Band, das uns Menschen zusammenhält.

Der dialogische Prozess kann es ermöglichen, den Voraussetzungen, Ideen, Annahmen, Überzeugungen und Gefühlen, die unterschwellig unsere Handlungen und Interaktionen beherrschen, auf den Grund zu gehen.

Wir alle haben grundlegende Annahmen oder auch Meinungen zu unserem Leben, dem Leben an sich, zur Welt, zur Wirklichkeit, was in unserem Interesse liegt und was nicht, was der Sinn des Lebens ist usw. Diese Annahmen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch zum Teil erheblich.
Mit den Annahmen identifizieren wir uns und beginnen sie zu verteidigen, sobald sie in Frage gestellt werden. Dies geschieht meist reflexartig und unbewusst. Wir haben nur ein Gefühl, dass etwas so wahr und richtig ist, dass wir gar nicht anders können als es zu verteidigen und die Unwissenden oder Naiven von deren Richtigkeit zu überzeugen. Wenn wir unsere Meinungen allerdings auf diese Art verteidigen, werden wir nicht in einen dialogischen Prozess kommen, und obwohl dieses Verhalten uns als das Natürlichste der Welt vorkommt, werden wir doch bei ernsterer Betrachtung zu dem Schluss kommen, dass auf diese Weise keine friedliche und lebendige Gesellschaft möglich ist.

Meinungen und Annahmen sind Ergebnisse unserer Gedanken, die wir einmal gedacht haben, gespeist aus unseren Erfahrungen, dem, was andere Leute gesagt haben und von was nicht sonst noch alles. All das ist in unser Gedächtnis eingeschrieben und hat uns auf gewisse Weise programmiert, legt uns fest, macht uns unfrei.
Ich als Individuum kann die verschiedensten Dinge denken, aber ein Großteil meines Denkens ist kollektiven Ursprungs und uns allen gemein. Die meisten unserer Grundannahmen stammen aus dem kollektiven Gedächtnis unsere Gesellschaft. Daher müssen wir sowohl dem individuellen als auch dem kollektiven Denken unsere Aufmerksamkeit widmen.

Der dialogische Prozess befasst sich mit den Annahmen und mit den Zwängen und den Denkprozessen, die hinter den Annahmen stehen. Das Ziel des Dialogs ist, dem Denkvorgang auf den Grund zu gehen und den Ablauf der Denkprozesse zu ändern. Das Denken kann das Ganze nicht erfassen. Es abstrahiert. Es begrenzt und definiert. Es funktioniert durch Fragmentierung und reisst Dinge auseinander, die nicht wirklich voneinander getrennt sind. Das Denken schöpft lediglich aus dem Vergangenem und kann so die Gegenwart nicht erfassen. Daher kann eine Analyse nie den aktuellen Moment abdecken.

Menschen, die glauben, dass sie zu irgendeiner Form von absoluter Wahrheit finden werden, können keinen Dialog führen, denn die Wahrheit ist auf uns alle verteilt. Im Unterschied zur Diskussion geht es beim dialogischen Prozess nicht darum zu überzeugen oder das Spiel zu gewinnen. Beim Dialog gewinnen alle, wenn einer gewinnt. Es geht nicht um Standpunkte, sondern um innere Bewegtheit, nicht um Auseinandersetzung sondern um Teilhabe.

Sich zeigen

Zeige ich mich offen,
ohne mich darum zu sorgen,
wie der andere darauf reagiert,
werden einige
sich angesprochen fühlen,
andere nicht.
Aber wer wird mich lieben,
wenn keiner mich kennt?
Ich muss es wagen
oder allein leben.

        Sheldon B. Kopp

Das Denken muss sich seiner Konsequenzen bewusst sein. Im Normalfall sind wir uns dessen nicht bewusst. Es scheint uns, als ob Gedanken und Gefühle ganz von selbst kommen würden. Vom Denken hängt jedoch alles ab. Wenn das Denken fehlgeht, hat das seine Konsequenzen.
Nicht Ereignisse wie Krieg, Kriminalität, Drogen, soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliches Chaos oder Umweltverschmutzung, mit denen wir konfrontiert sind, machen die wahre Krise des Menschen aus, sondern sein Denken, das all dies verursacht, und zwar unentwegt.

Krishnamurti hat eindrücklich darauf hingewiesen, dass das Denken der Ursprung der Dualität ist. Das Denken spalten sich ab vom Denker, es will quasi autonom sein. Das Denken möchte immer irgendetwas, immer etwas anderes als das, was gerade ist. Es unterscheidet zwischen dem was ist und dem was sein sollte. Das was gerade ist, ist aber das Ganze. Und so spaltet das Denken das Ganze auf. Das ist der Ursprung aller Konflikte, dass unser Denken aufspaltet zwischen dem Beobachteten und dem Beobachter. Dies zu verstehen wäre das Ende aller Konflikte.

Normalerweise widmen wir dem Denkvorgang an sich keine Aufmerksamkeit. Uns beschäftigen nur die Denkinhalte. Das Denken muss aber propriozeptiv werden, das heisst eigenwahrnehmbar, wenn wir seine Struktur verstehen und seinen Ablauf verändern wollen. Dies wird möglich, in dem wir alle unsere Annahmen in der Schwebe halten und die daraus resultierenden Affekte halten ohne sie in Handlungen umzusetzen. Weder bin ich von der absoluten Richtigkeit meiner Annahmen überzeugt, noch zweifle ich an ihnen, und ich tue mit diesen Annahmen nichts, es entstehen daraus keine Umsetzungen. Ich entscheide nicht, ob etwas richtig oder falsch, gut oder schlecht, wahr oder unwahr ist. Ich nehme einfach mal wahr, wie es jetzt gerade ist. Der Psychiater und Therapeut Samuel Widmer spricht vom Lauschen und dem Stillhalten als den elementaren Grundhaltungen, in der ich mich zentriere und dem Denken Energie entziehe. Dies führt zu ungeteilter Aufmerksamkeit und zu einem gemeinschaftlichen stillschweigenden Bewusstwerdungsprozess.

In einer Gruppe wird auf diese Weise eine andere Art des Bewusstseins möglich, ein partizipierendes Bewusstsein. Jeder einzelne hat Teil an der daraus resultierenden energetischen Aufladung einer Gruppe, deren Kraft ungleich höher ist, als es der summierten Teilnehmeranzahl entspricht. Bei einer funktionierenden Gruppe ist das gemeinsame Denken ein Prozess gemeinsamer Partizipation. Wenn wir das Denken anderer erkennen, wird es zu unserem Denken, und wir behandeln es, als sei es unser Denken. Und wenn Gefühle und Emotionen hoch kommen, teilen wir auch diese, so sie uns bewegen. Wir halten sie zusammen mit allen Gedanken.

Oberflächlich betrachtet ist der dialogische Prozess eine recht einfache Sache. Eine Gruppe von vielleicht 15 bis 40 Teilnehmern versammelt sich und setzt sich im Kreis zusammen. Nach anfänglichen Erläuterungen über das Wesen des dialogischen Prozesses, wird sich die Frage stellen, wie es denn nun weiter gehen soll. Da es keine Tagesordnung und auch kein Programm gibt, kommt es zu ersten Interaktionen zwischen den Teilnehmern. Vielleicht wird man sich einigen über ein bestimmtes Thema zu sprechen, wahrscheinlich werden Gefühle entstehen, von Frustration über die Unklarheiten bis hin zu Wut oder alle möglichen anderen Gefühle. In dieser Anfangsphase werden noch Dialogbegleiter bereitstehen und die Anwesenden hier und da an das eine oder andere erinnern, z.B. was in den Kommunikationsempfehlungen niedergelegt ist.

Im Laufe des Prozesses werden die Dialogbegleiter aber mehr und mehr zu gleichwertigen Teilnehmern der Gruppe. Sie arbeiten quasi daran sich in ihrer Funktion überflüssig zu machen. Die Kommunikationsempfehlungen sind zwar keine festen Regeln für einen ordnungsgemäßen Ablauf des dialogischen Prozesses, sie sind aber doch hilfreiche Prinzipien, wenn wir beispielsweise wünschen, dass jeder Teilnehmer einer Dialoggruppe die Möglichkeit hat sich frei zu äußern. Die Teilnehmer sollte also eher die Einsicht leiten, dass die Empfehlungen Sinn haben, anstatt diese als ein Regelwerk zu verstehen, bei dem man sich zur Einhaltung verpflichtet.

Wenn sich eine solche Gruppe nun regelmäßig (wöchentlich) über einen längeren Zeitraum (zwei bis drei Jahre) trifft, lassen die Kräfte, die gesellschaftlichen Konventionen zu wahren, bald nach, alles unechte und unauthentische fällt von den Teilnehmern nach und nach ab und die individuellen Unterschiede treten immer deutlicher zu Tage. Es entsteht Reibung zwischen gegensätzlichen Vorstellungen und Annahmen, die durch ihr Hervortreten den Teilnehmern bewusst werden und so zu einem tieferen Verständnis der Macht und Frakmentierung dieser oft selbstzerstörerischen Denkstrukturen führen. Die Teilnehmer werden schnell merken, wie befreiend es ist, keinen Erwartungen mehr gerecht werden zu müssen, sich so weit zu öffnen wie man möchte, sich das zuzumuten, zu was man sich in der Lage fühlt.

Auch wenn die Teilnehmer ganz persönlich sprechen sollen, ist die Gruppe in erster Linie nicht für individuelle Probleme und deren Lösung zuständig, da es hauptsächlich um kulturelle Konditionierung geht. Sie ist auch keine Therapiegruppe. Wir versuchen niemanden zu heilen, obwohl es immer wieder vorkommt, dass Menschen in diesem Umfeld einen heilenden Prozess erleben. Beim Dialog sollen die Teilnehmer direkt miteinander reden, einer mit dem anderem. Erst später wird es möglich sich an die ganze Gruppe zu wenden. In der Dialoggruppe werden wir nicht entscheiden, was in irgendeiner Sache zu tun ist. Es ist wichtig einen leeren Raum zu haben, wo wir nicht verpflichtet sind, etwas zu tun, zu irgendwelchen Schlüssen oder Übereinstimmungen zu kommen oder etwas sagen zu müssen.

Der Dialog wird nicht immer unterhaltsam sein und ein unmittelbarer Nutzen ist auch nicht jederzeit sichtbar. Die Versuchung ist groß, aufzugeben, sobald es schwierig wird. Wenn man aber diesen Prozess für wichtig hält wird man ausharren. Es wird zu Frustrationen kommen, dem Eindruck eines allgemeinen Chaos und dem Gefühl, das sei die Sache nicht Wert. Die Vielfalt von Meinungen ist frustrierend und möglicherweise entsteht Angst. Manche Leute wollen sich durchsetzen, sie dominieren die Gruppe. Andere neigen dazu sich zurückzuhalten. Die Menschen nehmen verschiedene Rollen an. In gewisser Weise arbeiten sie aber zusammen. Sehr oft gibt es einen inneren Zwang, möglichst schnell die eigene Sichtweise einzubringen. Daher haben die Teilnehmer keine Zeit, das Gesagte aufzunehmen oder darüber nachzudenken.

Anderseits sollte man nicht zu gründlich über einen Punkt nachdenken, ihn von allen Seiten betrachten, während das Gespräch sich bereits einem anderem Thema zuwendet. Weder sollte man sich zu schnell zu Wort melden, noch allzu lange damit warten. Es erfordert Sensibilität zu erkennen, wie man sich ins Gespräch einschaltet und wann man sich heraushält. Es ist hilfreich, dass jeder Teilnehmer die Möglichkeit hat sich zu äußern. Wenn ein Teilnehmer möchte, dass die Gruppe eine bestimmte Idee verwirklicht oder eine bestimmte Aufgabe erfüllt, wird das wahrscheinlich einen Konflikt auslösen. Emotionen werden ins Spiel kommen. Aber wenn man versteht, dass man trotz aller Frustrationen dabeibleiben muss, wird etwas Neues entstehen.

Die schwierigsten Konflikte im dialogischen Prozess drehen sich meist um die Vorstellung von der absoluten Notwendigkeit einer Sache. Diese Vorstellung bildet eine mächtige Triebkraft und erscheint uns oft als unausweichlich. Im dialogischen Prozess werden verschiede Vorstellungen vom absolut Notwendigen aufgedeckt und miteinander in Widerstreit treten. Wenn Menschen überzeugt sind, dass etwas absolut notwendig ist, verstoßen sie sogar gegen den Selbsterhaltungstrieb. Wenn dann die Liebe, die wir alle brauchen nicht da ist, müssen wir all die anderen Gefühle, die da sind, halten und integrieren. Wenn wir aber an dieser Stelle den Dialog aufrecht erhalten, kann etwas geschehen, was unsere gesamte Einstellung ändert. Es kann zu einer kreativen Wahrnehmung neuer Ordnungen von Notwendigkeit kommen.

Wenn wir die Macht, die Gewalt, den Hass oder was auch immer aushalten können, den ganzen Weg bis zum Ende gehen, bricht all dies gewissermaßen in sich zusammen, weil wir letztendlich erkennen, dass wir alle gleich sind. Dass wir die Gefühle gleich welcher Art aushalten können und nicht vor ihnen davonlaufen, hat eine größere Bedeutung, als uns zunächst erscheinen mag. Menschen, die so etwas durchgestanden haben, sind nicht mehr Teil des Problems, sie sind Teil der Lösung geworden. Sie können die beste Freunde werden, ja sie machen die Erfahrung von lebendiger Gemeinschaft.